Das Mittelmeer verliert durch Verdunstung mehr Wasser, als ihm zufließt. Ausgeglichen wird das allein durch den Atlantik. Deshalb ist es salziger als der Ozean, sein Tiefenwasser ist mit rund 13 Grad ungewöhnlich warm, und die Gezeiten fallen sehr schwach aus.
01 — BilanzEin Meer mit Defizit
Über dem Mittelmeer verdunstet deutlich mehr Wasser, als Regen und Flüsse liefern. Nil, Po, Rhone und Ebro reichen bei weitem nicht aus, um den Verlust zu decken. Ohne Nachschub würde der Spiegel sinken, wie es während der Messinischen Salinitätskrise geschah.
Der Ausgleich kommt durch die Straße von Gibraltar. Der Austausch verläuft in zwei Schichten: An der Oberfläche strömt vergleichsweise salzarmes Atlantikwasser ein, in der Tiefe fließt schwereres, salzreicheres Mittelmeerwasser hinaus. Dieses ausströmende Wasser lässt sich noch tausende Kilometer weit im Atlantik nachweisen.
Das gesamte Wasser des Beckens erneuert sich auf diesem Weg in schätzungsweise 80 bis 100 Jahren. Für ein Meer dieser Größe ist das langsam, und es ist der Grund, warum Einträge von den Küsten hier lange bleiben.
02 — SalzVon West nach Ost immer salziger
Der Salzgehalt liegt zwischen 36 und 39 Gramm je Liter, im Atlantik sind es rund 35. Dabei nimmt er von West nach Ost zu: Am Eingang bei Gibraltar ist das Wasser am wenigsten salzig, im Levantinischen Becken vor Syrien und Zypern am salzigsten. Der Grund ist derselbe wie für die Gesamtbilanz, nur verstärkt: Je weiter das Wasser vom Zustrom entfernt ist, desto länger war es der Verdunstung ausgesetzt.
Auch die Temperatur ist ungewöhnlich. Das Tiefenwasser hält konstant um 13 Grad, während es im offenen Atlantik in vergleichbarer Tiefe bei etwa 4 Grad liegt. Verantwortlich ist die flache Schwelle in der Straße von Gibraltar: Sie lässt kaltes Tiefenwasser des Atlantiks gar nicht erst herein.
03 — GezeitenWarum Ebbe und Flut kaum auffallen
An den meisten Küsten des Mittelmeers beträgt der Tidenhub nur rund 30 Zentimeter. Für die Gezeiten braucht es eine große, offene Wasserfläche, in der sich die Flutwelle aufbauen kann. Das Mittelmeer ist dafür zu klein und durch die enge Verbindung nach außen zu gut abgeschirmt.
Zwei Regionen fallen aus dem Rahmen. In der nördlichen Adria um Venedig schaukelt sich die Welle im lang gestreckten Becken auf und erreicht gut einen Meter. Im Golf von Gabès vor Tunesien sind es sogar bis zu zwei Meter, weil die flache, trichterförmige Bucht das Wasser aufstaut. Das sind die beiden einzigen Stellen, an denen Gezeiten am Mittelmeer im Alltag eine Rolle spielen.