Libyen hat mit rund 1.770 Kilometern die längste Mittelmeerküste aller afrikanischen Staaten. Zwischen 1911 und 1943 stand das Land unter italienischer Herrschaft, ab 1934 als Kolonie Libia. Seit 1951 ist es unabhängig.
01 — KÜSTEDie längste Küste Afrikas
Libyens Küste zieht sich von der tunesischen Grenze im Westen bis nach Ägypten im Osten und bildet dabei den weiten Bogen der Großen Syrte, der tief nach Süden ins Land greift. Es ist die längste Mittelmeerküste, die ein afrikanischer Staat besitzt.
Fast die gesamte Bevölkerung lebt in einem schmalen Streifen entlang dieser Küste. Dahinter beginnt die Sahara, die rund neunzig Prozent der Landesfläche einnimmt. Zwei Landschaften heben sich ab: das Bergland des Dschebel Nafusa hinter Tripolis und der Dschebel Achdar, das Grüne Gebirge der Kyrenaika, wo mehr Regen fällt als sonst irgendwo im Land.
An dieser Küste liegen mit Leptis Magna, Sabratha und Kyrene drei der besterhaltenen antiken Städte des Mittelmeerraums. Alle drei stehen auf der Welterbeliste der Unesco.
02 — GESCHICHTEZeittafel
Libyen war nie eine geschlossene historische Einheit. Tripolitanien im Westen war stets nach Karthago und Rom hin orientiert, die Kyrenaika im Osten nach Griechenland und Ägypten. Erst 1934 fasste die italienische Kolonialverwaltung beide mit dem südlichen Fessan zu einem Gebilde namens Libia zusammen.
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| 7. Jh. v. Chr. | Griechen gründen Kyrene in der Kyrenaika, Phöniker sichern sich den Westen mit Oea, Sabratha und Leptis Magna. Aus diesen drei Städten entsteht der Name Tripolitanien. |
| 46 v. Chr. | Rom übernimmt die Küstenregionen. Leptis Magna wird unter dem hier geborenen Kaiser Septimius Severus zu einer der prächtigsten Städte Nordafrikas. |
| 643–670 | Arabische Eroberung. Der Islam wird zur bestimmenden Religion, die Küstenstädte werden Teil wechselnder Kalifate. |
| 1551 | Die Osmanen erobern Tripolis. Die Küste gehört für rund dreieinhalb Jahrhunderte zum Osmanischen Reich, zeitweise als weitgehend eigenständige Regentschaft. |
| 29. Sept. 1911 | Italien erklärt dem Osmanischen Reich den Krieg. Am 3. und 4. Oktober landen Truppen bei Tripolis, bis zum 14. Oktober sind alle wichtigen Küstenorte besetzt. |
| 18. Okt. 1912 | Frieden von Ouchy. Der Vertrag regelt formal nur den gegenseitigen Truppenabzug; die Souveränität hatte Italien bereits im November 1911 einseitig per Königsdekret erklärt. |
| 1923–1932 | Die faschistische Regierung betreibt die gewaltsame „riconquista“ des Landesinneren. Der Widerstand der Sanussiya unter Omar al-Muchtar wird niedergeschlagen. |
| 1930–1933 | Zwangsdeportation von 100.000 bis 110.000 Menschen aus dem Dschebel Achdar in bis zu 19 Lager an der Küste. Al-Muchtar wird am 11. September 1931 gefangen genommen und am 16. September in Suluq öffentlich hingerichtet. |
| 1934 | Tripolitanien, die Kyrenaika und der 1930 eroberte Fessan werden zur Kolonie Libia zusammengefasst. Generalgouverneur wird Italo Balbo. |
| 1938 | Die Aktion „Ventimila“ bringt im November Tausende Siedler ins Land. Bis 1939 leben rund 100.000 Italiener in der Kolonie, überwiegend auf enteignetem Boden. |
| 9. Jan. 1939 | Die vier nördlichen Küstenprovinzen werden staatsrechtlich in das Königreich Italien eingegliedert und als „vierte Küste“ (Quarta Sponda) bezeichnet. |
| 1940–1943 | Der Afrikafeldzug macht die Küste zum Kriegsschauplatz. Balbo stirbt am 28. Juni 1940 bei Tobruk durch eigenen Flakbeschuss. 1943 endet die italienische Herrschaft. |
| 1943–1951 | Britische Militärverwaltung in Tripolitanien und der Kyrenaika, französische im Fessan. Im Pariser Friedensvertrag vom Februar 1947 gibt Italien seine Hoheitsrechte auf. |
| 24. Dez. 1951 | Libyen wird als Vereinigtes Königreich unter Idris I. unabhängig, als erster Staat, dessen Unabhängigkeit die Vereinten Nationen vorbereitet haben. |
03 — 1911 BIS 1943Die italienische Zeit
Am 29. September 1911 erklärte Italien dem Osmanischen Reich den Krieg, wenige Tage später landeten Truppen bei Tripolis. Bis Mitte Oktober waren die Küstenorte besetzt, das Landesinnere blieb umkämpft. Der Frieden von Ouchy vom 18. Oktober 1912 beendete den Krieg, ist juristisch aber bemerkenswert: Der Vertragstext benennt keine förmliche Abtretung, sondern regelt nur den gegenseitigen Truppenabzug. Die Souveränität hatte Italien bereits im November 1911 einseitig per Königsdekret erklärt. Die Kompromissformel sollte dem Osmanischen Reich das Gesicht wahren.
Getragen wurde der Widerstand von der Sanussiya, einem religiösen Orden mit großem Einfluss in der Kyrenaika. Nach Mussolinis Machtantritt begann 1923 die systematische Wiedereroberung. Unter den Generälen Pietro Badoglio und Rodolfo Graziani wurde ab Ende der zwanziger Jahre auf kollektive Bestrafung gesetzt: Zwangsumsiedlung ganzer Stämme, Giftgaseinsatz und die Vernichtung von Vieh- und Wasserressourcen. Ab 1930 wurden 100.000 bis 110.000 Menschen, etwa die Hälfte der Bevölkerung der Kyrenaika, aus dem Dschebel Achdar deportiert und in bis zu 19 Lagern interniert, darunter Suluq bei Bengasi und Marsa el Brega mit jeweils über 20.000 Menschen. Omar al-Muchtar wurde am 11. September 1931 gefangen genommen und fünf Tage später in Suluq öffentlich gehängt.
Die Zahl der Opfer ist in der Forschung umstritten. Angelo Del Boca schätzt 40.000 bis 70.000 Tote durch Deportation, Hunger, Krankheit und Exekution; andere Angaben nennen 44.000 Tote unter rund 100.000 Internierten bis zur Schließung der Lager 1933. Die Vereinten Nationen bezifferten die nicht natürlichen Todesfälle für die gesamte Kolonialzeit von 1912 bis 1942 auf 250.000 bis 300.000. Die Streuung erklärt sich aus unterschiedlichen Bezugszeiträumen und daraus, dass das faschistische Regime keine verlässlichen Statistiken veröffentlichte.
1934 wurden die Gebiete zur Kolonie Libia vereinigt. Generalgouverneur Italo Balbo ließ die 1.822 Kilometer lange Küstenstraße Litoranea Balbia anlegen, Häfen ausbauen und Musterdörfer errichten. Im November 1938 brachte die propagandistisch inszenierte Aktion „Ventimila“ Tausende Siedler ins Land; bis 1939 lebten rund 100.000 Italiener in der Kolonie, überwiegend auf enteignetem Boden.
Am 9. Januar 1939 wurden die vier nördlichen Küstenprovinzen staatsrechtlich in das Königreich Italien eingegliedert. Der Begriff „Quarta Sponda“, die vierte Küste, sollte Libyen als natürliche Fortsetzung des Festlands erscheinen lassen. Die Rechtsstellung blieb dabei zutiefst ungleich: Ein zweites koloniales Rassengesetz machte 1939 den Erwerb der vollen italienischen Staatsbürgerschaft für Libyer unmöglich. Es gab nur eine besondere Staatsbürgerschaft, die ausschließlich muslimischen Libyern im Militär- oder Verwaltungsdienst offenstand und nur innerhalb der Kolonie galt; jüdische und schwarzafrikanische Libyer blieben ausgeschlossen.
Mit dem Afrikafeldzug wurde die Küste ab 1940 zum Kriegsschauplatz. Nach der Niederlage der Achsenmächte endete die italienische Herrschaft 1943. Es folgte eine britische Militärverwaltung in Tripolitanien und der Kyrenaika sowie eine französische im Fessan. Seine Hoheitsrechte gab Italien förmlich erst im Pariser Friedensvertrag vom Februar 1947 auf. Am 24. Dezember 1951 wurde Libyen unabhängig.