Der Dodekanes ist eine griechische Inselgruppe in der südöstlichen Ägäis, dicht vor der türkischen Küste. Der Name bedeutet die zwölf Inseln, tatsächlich sind es 19 bewohnte und rund 200 unbewohnte. Größte Insel ist Rhodos.
01 — NAMEWoher der Name kommt
Dodekanes heißt wörtlich zwölf Inseln, von griechisch dodeka für zwölf und nisos für Insel. Der Name ist alt, meinte aber lange etwas anderes: Im Frühmittelalter bezeichnete er zwölf Kykladeninseln rund um Naxos, also eine ganz andere Gruppe in einem anderen Teil der Ägäis.
Auf die heutige Inselgruppe ging der Name erst nach 1908 über. Damals entzog die jungtürkische Regierung den Inseln ihre alten Selbstverwaltungsrechte, und zwölf von ihnen protestierten gemeinsam dagegen. Zu diesen zwölf gehörten unter anderem Ikaria und Kastellorizo, ausgerechnet Rhodos und Kos aber nicht. Amtlich festgelegt wurde der Name erst 1947 beim Übergang an Griechenland.
Geografisch war die Zahl also nie zutreffend. Heute umfasst die Gruppe 19 bewohnte Inseln und etwa 200 unbewohnte Eilande und Felsen. Die ältere Bezeichnung Südliche Sporaden ist in Griechenland weiterhin gebräuchlich.
02 — LAGEZwischen Kreta und Kleinasien
Die Inseln liegen im Südosten der Ägäis, teils nur wenige Kilometer vor der türkischen Küste. Kastellorizo, die östlichste, liegt rund zwei Kilometer vor Kaş und ist von Rhodos weiter entfernt als Rhodos von der Türkei.
03 — GESCHICHTEZeittafel
Die Inseln lagen stets an einer Nahtstelle: zwischen Ägäis und Kleinasien, zwischen Ost und West. Entsprechend oft wechselte die Herrschaft.
| Zeit | Ereignis |
|---|---|
| Antike | Rhodos gehört zu den bedeutendsten Seemächten des östlichen Mittelmeers, Kos ist Geburtsort des Hippokrates. Rhodos gibt sich ein Seerecht, das später ins römische Recht eingeht. |
| 15. Aug. 1309 | Der Johanniterorden erobert Rhodos nach dreijährigen Kämpfen und verlegt seinen Sitz von Zypern hierher. Bis 1320 kommen Kos, Leros und Kalymnos hinzu. |
| 1522/23 | Süleyman I. belagert Rhodos ab dem 26. Juni 1522. Großmeister Villiers de l’Isle-Adam kapituliert am 22. Dezember gegen freien Abzug; am 1. Januar 1523 verlassen die Ritter die Insel. 1530 erhalten sie Malta. |
| 1523–1912 | Osmanische Herrschaft. Gegen einen jährlichen Tribut von 50.000 Piastern behalten die privilegierten Inseln weitgehende Selbstverwaltung mit eigenen Schulen und eigener Gesundheitsversorgung. |
| 1908 | Die jungtürkische Regierung entzieht den Inseln die Autonomie. Zwölf Inseln protestieren gemeinsam, darunter Ikaria und Kastellorizo, nicht aber Rhodos und Kos. Aus diesem Protest wird der Name Dodekanes zum politischen Begriff. |
| April/Mai 1912 | Italien besetzt die Inseln im Italienisch-Türkischen Krieg als Druckmittel für den osmanischen Truppenabzug aus Libyen. |
| 18. Okt. 1912 | Der Frieden von Ouchy sieht die Rückgabe an das Osmanische Reich ausdrücklich vor. Italien behält die Inseln als Pfand für die Vertragserfüllung. |
| 1915–1920 | Der geheime Londoner Vertrag sichert Italien 1915 den Besitz zu. Die Tittoni-Venizelos-Vereinbarung von 1919 und der Vertrag von Sèvres 1920 sehen einen Übergang an Griechenland vor, werden nach Mussolinis Machtübernahme aber nicht anerkannt. |
| 24. Juli 1923 | Im Vertrag von Lausanne verzichtet die Türkei auf die Inseln. Sie gelten fortan nicht als Kolonie, sondern als italienisches Staatsgebiet; die Bewohner erhalten eine Staatsbürgerschaft ohne volle Bürgerrechte. |
| 1923–1936 | Gouverneur Mario Lago verfolgt eine Integrationspolitik gegenüber der griechischen, türkischen und jüdischen Gemeinschaft. Umfangreiches Bauprogramm, auf Leros entsteht die Planstadt Portolago. |
| 1936–1940 | Cesare Maria De Vecchi betreibt radikale Italianisierung: Schulreform 1937 mit Italienisch als Unterrichtssprache, 1938 Aufhebung der Selbstverwaltung der Gemeinden, Rassengesetze. |
| 1943 | Nach dem Waffenstillstand von Cassibile scheitert der britische Dodekanes-Feldzug vom 8. September bis 22. November. Deutsche Truppen übernehmen die Inseln. |
| Juli 1944 | Die jüdische Bevölkerung von Rhodos und Kos wird nach Auschwitz deportiert. Der türkische Konsul Selahattin Ülkümen rettet einen Teil der Menschen. |
| 1945–1947 | Britische Militärverwaltung. |
| 10. Feb. 1947 | Der Pariser Friedensvertrag bestimmt die Abtretung an Griechenland und einen entmilitarisierten Status. Die förmliche Übergabe erfolgt am 15. September 1947. |
| 7. März 1948 | Die Inseln werden in den griechischen Staat eingegliedert und die Verwaltung übernommen. Erst jetzt wird Portolago in Lakki umbenannt. |
04 — 1912 BIS 1947Die italienische Zeit
Im Mai 1912 besetzten italienische Truppen die Inseln, zunächst als Faustpfand im Krieg gegen das Osmanische Reich um Libyen. Aus dem Pfand wurde Dauer: Der Vertrag von Lausanne sprach die Inseln 1923 endgültig Italien zu, das sie als Isole italiane dell’Egeo verwaltete.
Die Jahre unter Gouverneur Mario Lago von 1923 bis 1936 gelten als die vergleichsweise milde Phase. Lago setzte auf Integration und ließ die griechische, türkische und sephardisch-jüdische Gemeinschaft weitgehend gewähren. Zugleich begann ein großes Bauprogramm: Straßen, Häfen, Verwaltungsgebäude, dazu Restaurierungen mittelalterlicher Bauten.
Diese Restaurierungen sind fachlich umstritten. Der 1856 durch eine Pulverexplosion zerstörte Großmeisterpalast in der Altstadt von Rhodos wurde zwischen 1937 und 1940 von Vittorio Mesturino und Gregorio Gerardi praktisch neu errichtet, nicht originalgetreu, sondern als Residenz für den König und später Mussolini, ausgestattet mit antiken Mosaikböden von Kos. Die Fachliteratur ordnet das als historisierende Restaurierung ein, die das Erbe der Johanniter bewusst betonte, um den Anspruch auf das Mittelmeer als „mare nostrum“ zu untermauern. Der heutige Palast ist damit im Kern ein Bau der dreißiger Jahre.
Auf Leros entstand ab den späten zwanziger Jahren die Planstadt Portolago, heute Lakki, als Hauptstützpunkt der italienischen Marine. Armando Bernabiti und Rodolfo Petracco entwarfen sie für bis zu 30.000 Einwohner. Sie gilt als einzige konsequent rationalistische Stadtneugründung außerhalb Italiens; Rathaus, Agora mit Glockenturm und die Kirche St. Nikolaos prägen bis heute das Ortsbild und stehen teilweise unter Denkmalschutz.
Unter Cesare Maria De Vecchi ab 1936 änderte sich der Ton grundlegend. Die Schulreform vom Juli 1937 machte Italienisch zur Unterrichtssprache, Griechisch war nur noch Wahlfach ohne Lehrbücher. Ein Dekret vom November 1938 hob die Selbstverwaltung der orthodoxen, jüdischen und türkischen Gemeinden auf, im selben Jahr wurden das Rabbinerseminar geschlossen und die Rassengesetze eingeführt.
Nach dem Waffenstillstand von Cassibile im September 1943 versuchten britische Verbände, die Inseln zu besetzen. Der Dodekanes-Feldzug scheiterte unter hohen Verlusten, deutsche Truppen hielten die Inseln bis Mai 1945. Im Juli 1944 wurde die jüdische Bevölkerung von Rhodos und Kos nach Auschwitz deportiert; einem Teil der Menschen gelang mit Hilfe des türkischen Konsuls Selahattin Ülkümen die Rettung.
Nach britischer Militärverwaltung bestimmte der Pariser Friedensvertrag vom 10. Februar 1947 die Abtretung an Griechenland; förmlich übergeben wurden die Inseln am 15. September 1947. Die Eingliederung in den griechischen Staat und die Übernahme der Verwaltung folgten am 7. März 1948. Beide Jahreszahlen sind in der Literatur gebräuchlich, sie bezeichnen verschiedene Schritte.
05 — DIE INSELNDie größten Inseln
| Insel | Fläche km² | Einwohner | Bekannt für |
|---|---|---|---|
| Rhodos | 1.401 | 115.490 | Altstadt, Johanniterfestung |
| Karpathos | 324 | 6.226 | Tracht und Bräuche in Olymbos |
| Kos | 290 | 36.986 | Hippokrates, Asklepieion |
| Kalymnos | 109 | 16.001 | Schwammtaucherei, Klettern |
| Astypalea | 97 | 1.334 | Schmetterlingsform, Chora |
| Tilos | 63 | 780 | Zwergelefanten-Funde |
| Symi | 58 | 2.590 | Kapitänshäuser am Hafen |
| Leros | 53 | 7.917 | Italienische Architektur in Lakki |
| Patmos | 34 | 3.047 | Johannes-Kloster, Höhle der Apokalypse |
| Nisyros | 41 | 1.008 | Aktiver Vulkankrater |
Verlinkte Namen führen zum Datenblatt des jeweiligen Hauptortes mit Koordinaten, Entfernungen und Sonnenzeiten.